ÜBER DIE BACHVESPERN


Alle 199 Kirchenkantaten von Johann Sebastian Bach monatlich als Gesprächskonzerte und Abendgottesdienste in St. Katharinen, Frankfurt am Main und in der Markt- und Christophoruskirche, Wiesbaden

BV-01BV-02BV-05BV-06

Die BachVespern sind eine Kooperation zwischen der Schiersteiner Kantorei, der Kantorei St. Katharinen Frankfurt und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt. Deren Professoren und Studierende gestalten die vokalen Solopartien; es spielt das Bach-Collegium Frankfurt-Wiesbaden, welches sich aus führenden Mitgliedern der großen Orchester des Rhein-Main-Gebietes zusammensetzt. Die Gesamtleitung haben Martin Lutz und Michael Graf Münster.

Jede BachVesper hat zwei Teile. Sie beginnt mit dem Gesprächskonzert – einer Einführung in die Kantate durch den Dirigenten mit dem gesamten Ensemble, quasi eine Schule des Hörens. Das Gesprächskonzert dauert 20 Minuten, ihm folgt das Glockengeläut. Dann der Gottesdienst: in seiner Mitte wird die Kantate als Ganze aufgeführt.

Der Eintritt zu den BachVespern ist frei.


Die Bedeutung der BachVespern Frankfurt Wiesbaden:

Für die evangelische Kirche
Bachs Kantaten entstammen dem Gottesdienst und gehören in den Gottesdienst. Sie verbinden Religion und Öffentlichkeit. Sie zeigen die Kirchenmusik als Grundbestandteil des evangelischen Gottesdienstes. Sie sind christlicher Glaube in Tönen.

Für die evangelische Kirchenmusik
Bach konnte als Leipziger „Generalmusikdirektor“ sein Lebensziel einer „regulierten Kirchenmusik“, d.h. regelmäßiger Kantaten im Gottesdienst verwirklichen. Daraus ist in seinen Kantaten das zentrale Repertoire der evangelischen Kirchenmusik entstanden. Ihre ästhetische und theologische Qualität ist ohne Vergleich. Wegen ihres musikalischen und finanziellen Aufwandes erklingen Bachs Kantaten jedoch viel zu selten. Ihre Pflege in den BachVespern ist ein Signal für die evangelische Kirchenmusik. Es zeigt ihre Bedeutung für die Kirche wie für die öffentliche Kulturpflege gleichermaßen.

Für die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt
Studierende erwerben durch die BachVespern hochspezialisierte Fertigkeiten für die Interpretation barocker Musik überhaupt und Bachscher Werke im besonderen. Die Hochschule wird die BachVespern in Curricula und Prüfungsordnungen integrieren. Zugleich präsentiert die Hochschule durch diese Kooperation ihre Arbeit der Öffentlichkeit.

Für das Musikleben des Rhein-Main-Gebietes
Bachs Kantaten sind Kern des musikalischen Weltkulturerbes. Sie sind ein Meilenstein in der Entwicklung vokaler wie instrumentaler Musik. In den BachVespern werden sie in den beiden großen City-Kirchen des Rhein-Main-Gebietes regelmäßig live zu erleben sein, in der durch die Ausführenden gegebenen repräsentativen Qualität. Die BachVespern schließen so ein gravierendes Defizit im live erklingenden Musikrepertoire.


Hochblüte im Zeitenwechsel – Bachs Kantaten

Johann Sebastian Bach schrieb nur wenige Kantaten: 200 sind erhalten, zwischen 50 und 100 verloren. Was sind 300 Kantaten Bachs gegen die 1.750 Kantaten Telemanns oder die 1.400 Graupners? Telemann und Graupner und andere schrieben vollständige Kantaten-Jahrgänge. Ihr Opus ist der Jahrgang, die einzelne Kantate also nur ein Sechzigstel eines Opus. Anders Bach – Opus ist für ihn die individuelle Kantate.

Bach sammelte schon früh exemplarische Kantaten bedeutender Komponisten und schrieb selbst einzelne Stücke. Doch erst mit 29 Jahren konnte er sich als Weimarer Konzertmeister ein dienstliches Mandat zur Kantatenkomposition verschaffen: eine Kantate pro Monat. Das gab ihm die Chance gründlicher und grundsätzlicher Auseinandersetzung. Voraussetzung hierfür war eine „regulierte Kirchenmusik“: die Hofkapelle als etatmäßig besoldetes, professionelles Ensemble, mit dem er nach seinen Maßstäben ausreichend proben konnte. Seine Maßstäbe: es waren die des virtuosen Geigers und des virtuosesten Organisten Deutschland.
Die Stellung des Thomaskantors (de facto: des Generalmusikdirektors Leipzigs) anzustreben, hieß für Bach: das dort aufzuführende Kantatenrepertoire zunächst selbst zu komponieren. Ein bewusst angestrebtes Großprojekt. Bach widmete seine ersten Leipziger Jahre der Komposition von Kantaten, und zog vor Ostern 1727 mit der Matthäuspassion die Summe gottesdienstlicher Musik schlechthin. Am Ende des Projektes war die Gattung ausgeschritten, ein anspruchsvolles Repertoire für kommende Jahrzehnte lag vor, für die immense Last der wöchentlichen Neukomposition gab es keinen inneren Grund mehr. Der Komponist Bach wurde frei für anderes. Er würde exemplarische Sammlungen von Klavier- und Orgelwerken im Druck veröffentlichen. Und die Leitung eines Orchesters übernehmen, dass wöchentlich Konzerte gab. Als Klavierkomponist wie als Orchesterleiter profilierte sich Bach als künstlerisches Individuum auf dem frühbürgerlichen Musikmarkt in einer Weise, wie dies weder der kunstsinnigste Hof in Köthen, noch die musikalisch ambitionierteste Kirche St. Thomae ermöglichten.
Doch bis kurz vor Ende seines Lebens leitete Bach an jedem Sonntag eine Kantatenaufführung, an Feiertagen zwei. Er spielte sonntags vor 2.000 Hörern, feiertags vor 4.000 Hörern überwiegend seine eigene Musik. Dabei wirkten Mitglieder seines Konzert-Orchesters mit und garantierten einen hohen Qualitätsstandard. Nur wenige Künstler hatten live eine so starke öffentliche Präsenz. Und Bach nutzte diese Präsenz: in der Kirche wie im Konzert meidet er jede Gefälligkeit. Der vom Publikum bestaunte Virtuose Bach konnte sich leisten, den anspruchsvollen Komponisten Bach aufzuführen.

Bachs Kantaten sind eine singuläre Hochblüte im Zeitenwechsel der frühen Aufklärung. Um 1725 überlagern sich in ihnen für kurze Zeit Kirche und Konzertsaal. Die Musik schlägt Feuer aus Texten, die durch und durch von der Bibel geprägt sind. Das ist Tradition lutherischer Frömmigkeit, konservativ. Zugleich sind Bachs Kantaten opernnah, vor allem in den Rezitativen und Arien. Das ist modern und nicht unwichtig in Leipzig, wo nach dem ersten gescheiterten Versuch eines bürgerlich finanzierten Opernhauses Oper vermisst wird. Und dann entwickelt Bach vor allem in den Eingangssätzen Sinfonik, bevor es dieses Wort gab. Ausladende, bedeutungsvolle Instrumentalmusik mit Gesang. Das Spiel mit den Klangfarben und die dynamischen Entwicklungen des Orchesters erst ziehen einen weiten Zeitraum auf, in dem so insistierend, so variantenreich, so ausführlich gesungen werden kann. Das weist in die Zukunft. Bachs Kantaten kulminieren auch in Mozarts c-moll-Messe.

(MM)